Eine kritische Analyse der Thesen von Diethard Tautz (2023/2024)1
Bis Juli 2023 war Diethard Tautz Direktor der Abteilung “Evolutionsgenetik” am Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön. Im Dezember desselben Jahres veröffentlichte Tautz einen kurzen Artikel2 mit dem Titel “Biologisches Geschlecht - Die Illusion der Binarität”. Der Titel verspricht einen neuen Geschlechtsbegriff in der Biologie. Der Anreißer des Beitrags propagiert, dass “Geschlecht überhaupt nicht in Kategorien gepresst [gehört], wenn man die biologische Geschlechtsentwicklung als Gesamtprozess zugrunde legt.” Gelingt dieses Unterfangen?3
Inhalt
“Biologisches Geschlecht - Die Illusion der
Binarität” (2023)
Alternative Reproduktionsmechanismen?
Warum nicht ausschließlich Zwitter?
Geschlecht, Schizophrenie und Aliens
Bimodale Verteilung des Phänotyps
Geschlechtsidentität ohne Geschlecht?
Abschaffung des biologischen Geschlechts?
Vermeintliche Wahlpflicht
Nonbinärer Geschlechtsbegriff praktikabel?
“Weiblich – männlich – divers: Ist es so einfach?”
(2024)
Analyse der Einleitung von 2024
Genderfluidität
Geschlecht als Identität?
Genderfluide Tierarten?
Natürliche Rollen?
Can biological men get pregnant?
Fazit
“Biologisches Geschlecht - Die Illusion der Binarität” (2023)
Unerwarteterweise beginnt der Artikel jedoch mit der Erläuterung der anisogametischen Fortpflanzung, bei der es gerade genau zwei Typen von Keimzellen gibt: große Eizellen und deutlich kleinere Samenzellen. Diese verschmelzen zu einer Zygote. Die beiden Zelltypen unterscheiden sich nicht nur in ihrer Größe, sondern auch in ihrer inneren Struktur. Zugleich stellt Tautz heraus, dass durch die Neukombination des genetischen Materials beider Keimzellen fortlaufend Variation entsteht. Im Unterschied dazu entstünde bei ungeschlechtlicher Fortpflanzung Variation im Wesentlichen nur durch Mutationen in getrennten Abstammungslinien.4 Die sexuelle Fortpflanzung fördere somit die Erzeugung genetischer Variabilität und könne dadurch evolutive Anpassungsprozesse begünstigen.
Darauf folgt die Schlussfolgerung: “Was, kurz gesagt, bedeutet: Ohne Sex keine schnelle Evolution. Die Rolle von zwei Geschlechtern ist also die Generierung von Diversität, nicht von Binarität!”
Im biologischen Kontext kann mit “Diversität” hier sinnvollerweise nur genetische Variabilität gemeint sein, also die durch Rekombination entstehende Vielfalt, die Anpassung an veränderte Umweltbedingungen erleichtern kann. Diese Funktion hebt jedoch die zugrunde liegende binäre Organisation der anisogamen Fortpflanzung nicht auf, sondern setzt sie gerade voraus.
Alternative Reproduktionsmechanismen?
Was aber ist mit der Binarität, also der Fähigkeit zur zweigeschlechtlichen Reproduktion? Alternativen sind z.B.
- Reproduktion durch ungeschlechtliche Zellteilung oder
- Reproduktion durch mehr als 2 Geschlechter.
Die ungeschlechtliche Vermehrung ist auch heute noch sehr erfolgreich - insbesondere dann, wenn dadurch ein bewährter Genotyp schnell vervielfältigt werden kann. Dies ist bei Mikroorganismen wie Bakterien oder Viren der Fall. Der Mechanismus des horizontalen Gentransfers, der ohne Fortpflanzung auskommt, hat bei diesen Organismen in der Evolution eine beschleunigte genetische Variation bewirkt.
Doch wie sieht es bei komplexeren Tierarten aus? Bei diesen gibt es gelegentlich die ungeschlechtliche Fortpflanzungsweise der Parthenogenese, bei der Nachkommen aus einzelnen, unbefruchteten Eizellen entstehen. Sie kommt bei Blattläusen, Wasserflöhen, einigen Fisch- und Eidechsenarten, Schnecken und Blumentopfschlangen vor, bei den Säugetieren jedoch nicht. Säugetiere und insbesondere Homo sapiens sind allerdings der primäre Zankapfel im Diskurs um den Geschlechtsbegriff. Laut Tautz erzeugt die sexuelle Fortpflanzung gerade die genetische Diversität, die die “Grundlage für eine effiziente natürliche Selektion” bildet und ohne die eine “schnelle Evolution” nicht möglich ist. Nach dieser Argumentation erscheint ein Rückgang von geschlechtlicher auf ungeschlechtliche Vermehrung bei Säugetieren nur dann evolutionär aussichtsreich, wenn durch sich durch rasch ändernde Umweltbedingungen kein besonderer Selektionsdruck entsteht. Tautz zufolge ist die ungeschlechtliche Fortpflanzung der geschlechtlichen daher unterlegen, wenn sich die Welt verändert.
Tautz weist noch auf isogametische Paarungssysteme hin, bei denen die Keimzellen keine morphologischen Unterschiede aufweisen, und merkt an: “Folglich gibt es kein Naturgesetz, das die Asymmetrie der Gameten vorsieht” Er erwähnt allerdings nicht, bei welchen Organismen die Isogamie vorkommt, nämlich Grünalgen, Pilze, Schleimpilze, etc. Bei sämtlichen Tierarten und allen Landpflanzen ist jedoch ausschließlich die Anisogamie bekannt.
Die evolutionäre Entwicklung eines drittes Geschlecht erscheint weder hilfreich noch wahrscheinlich,5 da sich in diesem Fall drei Keimzellentypen in einem begrenzten Zeitfenster zusammenfinden müssten. Das würde aber den Fortpflanzungserfolg eher senken, weshalb die Zweigeschlechtlichkeit überlegen ist. Biologische Fitness wird schließlich in der Zahl der ebenfalls reproduktionsfähigen Nachkommen gemessen. Ohne Fortpflanzung stirbt eine Spezies schlicht aus.
Die Tautz’sche Einlassung zur Binarität irritiert, denn es kann nicht im Sinne eines erfolgreichen Fortpflanzungsmechanismus sein, sich selbst abzuschaffen.
Warum nicht ausschließlich Zwitter?
Nach Tautz gibt es “noch keine vollständig befriedigende Lösung” für die Tatsache, dass nicht alle Arten Zwitter (Hermaphroditen) sind, so dass genetische Vermischung zwar möglich bleibt, aber alle Organismen auch Nachkommen produzieren können.
Doch auch bei Hermaphroditen ist es nicht garantiert, dass alle Individuen tatsächlich Nachkommen produzieren. Es gibt Konkurrenz um Paarungspartner und Ressourcen. Zudem gibt es Unterschiede im Reproduktionserfolg. Das Vorhandensein beider Geschlechter in einem Individuum kann außerdem mit erheblichen Kosten verbunden sein, da eine Selbstbefruchtung verhindert werden muss.
In evolutionären Modellen erwies sich die getrenntgeschlechtliche Reproduktion (Gonochorie) bei starker sexueller Selektion, hohen Inzuchtkosten und hohen Fitnessgewinnen bei Spezialisierung als stabil. Empirisch ist Hermaphroditismus besonders häufig bei sessilen (festsitzenden) oder wenig mobilen Organismen mit geringer Partnerdichte anzutreffen. Gonochorie kommt häufig bei hoher Mobilität, intensiver sexueller Selektion und komplexem Verhalten vor. Insgesamt spricht das für eine ökologische Bedingtheit des Systems.
Tautz resümiert jedoch: “Binärer Sex ist ein ungelöstes Rätsel!” Da er vorher bereits die evolutionären Vorteile der geschlechtlichen Vermehrung erläutert hat, müsste nun eher von getrenntgeschlechtlichem binären Sex die Rede sein. Die verfügbaren Lösungsansätze mögen nicht vollständig befriedigend sein, geschweige denn letztbegründet, liefern aber dennoch eine plausible Erklärung. Im Sinne einer Letztbegründung sind zwar alle Rätsel der Natur bislang ungelöst, die verschiedenen Lösungsansätze unterscheiden sich jedoch ganz erheblich in ihrer Plausibilität und empirischen Bewährung.
Geschlecht, Schizophrenie und Aliens
Nun betrachtet Tautz die “Unterschiede zwischen den Geschlechtern und innerhalb der Geschlechter” beim Menschen. Er stellt fest, dass wir sowohl “meistens blitzschnell eine Einteilung in Frau oder Mann” treffen können als auch entscheiden können, ob wir “die Person kennen oder nicht”. Es sei aber “eigentlich eine schizophrene Entscheidung”, sowohl binär zu klassifizieren als auch Individualität zu erkennen.
Tautz spricht darin von Geschlechtern, Frauen und Männern und setzt damit einen Geschlechtsbegriff voraus, der sich auf ganze Organismen und nicht nur auf Keimzellen bezieht. Wie sich das zu dem angedeuteten neuen Geschlechtsbegriff verhält, bleibt unklar.
Der Begriff “schizophren” erscheint auch verfehlt, beinhaltet er doch formale Denkstörungen, Wahnvorstellungen und Halluzinationen. Nehmen wir an, es ist eher etwas wie widersprüchlich, inkonsequent, inkohärent oder hin- und hergerissen gemeint. Ist das angemessen für Wahrnehmungsvorgänge, bei denen verschiedene Aspekte eines Objekts erfasst werden? Schließlich klassifizieren wir Objekte in unserer Umwelt ständig auf mehr als eine Weise: Wir nehmen Blätter als grün wahr, obwohl wir auch ihre verschiedenen Formen erkennen. Wir sehen einen Ball, ein Rad oder die Erde als rund an, obwohl wir nicht verkennen, dass es sich dabei um völlig unterschiedliche Objekte handelt. All dies ist überlebenspraktisch hilfreich, denn die Gegenstände in unserer Umgebung haben generell mehr als nur eine Eigenschaft. Anstatt von “Schizophrenie” zu sprechen, sollten wir eher von einer nützlichen Leistung unseres Wahrnehmungsapparats reden. Dass das reproduktive Geschlecht einer Person so leicht erkannt wird, ist eine evolvierte Hilfsfunktion unseres Fortpflanzungsapparats, die das Auffinden geeigneter Paarungspartner ermöglicht. Von “Schizophrenie” kann keine Rede sein.
Als Nächstes fragt Tautz, ob Aliens Menschen auch spontan binär einteilen würden. Warum sollten sie das tun? Und wie relevant ist der Wahrnehmungsapparat fiktiver Außerirdischer für den irdischen Geschlechtsbegriff? Warum sollten Aliens evolutionär darauf angepasst sein, das Fortpflanzungsgeschlecht völlig fremder Wesen intuitiv erkennen zu können? Das ist völlig unplausibel. Tautz zielt in diesem Absatz letztlich nur darauf ab, dass Menschen neben ihrer reproduktiven Ausrichtung selbstverständlich noch viele andere Eigenschaften haben, die in ihrer Ausführung variieren. Er stellt die Frage in den Raum, ob nicht körperliche Eigenschaften ohne reproduktiven Bezug wichtiger seien. Relevanz ist freilich kontextabhängig. Für den Fortbestand der Menschheit ist das biologische Geschlecht jedenfalls hoch relevant.
Bimodale Verteilung des Phänotyps
Tautz bemerkt dann zutreffend, dass sich die phänotypischen Merkmale der Geschlechter zwar in ihren Verteilungen unterscheiden, es aber praktisch immer auch überlappende Bereiche gibt. Frauen sind im Mittel kleiner als Männer, dennoch gibt es viele Frauen, die größer sind als viele Männer. Solche Überlappungen besagen laut Tautz, dass das Geschlecht einen Teil der Daten erklärt, aber eben nicht den “Unterschied der Geschlechter an sich” ausmacht. Man könne “aus dem Messwert eines phänotypischen Merkmals nicht schließen, ob es sich um eine Frau oder einen Mann” handele.
Hier stoßen wir erneut auf den Umstand, dass Tautz seinen (nonbinären?) Geschlechtsbegriff bisher noch nicht näher erläutert hat. Das macht seine Äußerung nicht eben leicht verständlich. Es dürfte jedoch allgemeiner Konsens sein, dass verschiedene Exemplare einer Mammaliaspezies sowohl geschlechtsunabhängig viele Gemeinsamkeiten aufweisen als auch individuelle Unterschiede zeigen. Aus der Überlappung phänotypischer Merkmale folgt jedoch nicht, dass die Geschlechtskategorie selbst unbestimmt wäre.
Anschließend erläutert Tautz, dass verschiedene komplizierte Kaskaden entwicklungsbiologischer Prozesse zu Variationen im individuellen Erscheinungsbild (Phänotyp) führen. Das dürfte ebenfalls Konsens sein.
Geschlechtsidentität ohne Geschlecht?
Tautz führt auch den Begriff der Geschlechtsidentität ein, der aber ohne einen Geschlechtsbegriff auf den Begriff Identität schrumpfen würde. Sowohl die allgemeine als auch die geschlechtliche Identität können sich nur durch Gehirnprozesse manifestieren. Nach Tautz gibt es aber “praktisch keine systematischen Unterschiede” in den Gehirnen von Frauen und Männern. Es gebe nur “eine breite individuelle Variabilität”. Wie soll aber eine Geschlechtsidentität als Frau oder Mann entstehen können, wenn sich ihre Gehirne praktisch nicht unterscheiden?
Im nächsten Absatz erwähnt Tautz den Begriff “Gender” erstmals und erläutert ihn als “die gefühlte und/oder soziale Geschlechtsidentität”. Er wird diesen Begriff in einer anderen Version seines Beitrags häufiger verwenden, wie wir noch sehen werden. Hier schreibt er den Gender-Begriff der Sexualforschung zu, in jenem Artikel nennt er zusätzlich noch die Psychologie. Tautz umschifft so die Institution der Gender Studies, die sich damit primär beschäftigt. Judith Butler ist eine der einflussreichsten Theoretikerinnen in diesem Fachgebiet. In ihren Arbeiten findet sich keine klare Unterscheidung zwischen Geschlecht und Gender: Geschlecht (oder Gender) sei keine objektive Kategorie, sondern ein sozialer Konstruktionsprozess, der durch wiederholte stilisierte Handlungen hervorgebracht werde, die wiederum kulturellen Normen und Erwartungen folgen würden. Nach diesem sozialkonstruktivistischen Konzept braucht es also gar keine spezifisch physischen Komponenten im menschlichen Körper, die zur Geschlechtsidentität wesentlich beitragen. In letzter Konsequenz kann Geschlecht somit auch nichts weiter als ein Sprechakt sein.
Wie bereits erwähnt, sind Frauen im Durchschnitt kleiner als Männer und haben daher auch kleinere Gehirne.6 Das resultiert in einem niedrigeren Gesamtenergieverbrauch. Die durchschnittliche Intelligenz von Männern und Frauen ist jedoch gleich. Die Intelligenzverteilung ist bei Männern allerdings etwas breiter gestreut. Wenn Frauen also mit weniger Energieaufwand die gleiche mittlere Intelligenz mit einer geringeren Streuung erreichen, ist nicht einzusehen, warum sich das nicht als systematischer statistischer Unterschied interpretieren ließe. Vielleicht erscheint dieser Unterschied jedoch als zu klein.
Eine neue Studie von Ryali et al.7 fand jedoch bemerkenswerte Unterschiede zwischen den Gehirnen von Frauen und Männern. Die geschlechtsspezifischen Unterschiede in der funktionellen Hirndynamik erwiesen sich als hochgradig reproduzierbar. Bestimmte Gehirnmerkmale zeigten über alle Sitzungen und unabhängigen Kohorten hinweg durchweg signifikante geschlechtsabhängige Unterschiede mit sehr hohen Effektstärken von über 1,5. Es bleibt abzuwarten, ob sich diese Ergebnisse replizieren lassen und wie sie zu interpretieren sind. Sie passen allerdings wenig zu Tautz’ Feststellung, dass “praktisch keine systematischen Unterschiede” bestünden.
Abschaffung des biologischen Geschlechts?
Tautz verwirft aber jede biologische Einteilung in männlich und weiblich, da sie “der phänotypischen Realität der Individuen […] nicht gerecht” werde. Die biologische Geschlechtsentwicklung müsse man als Gesamtprozess sehen, der unkategorisiert bleiben solle. Auch erweiterte Geschlechtskategorien seien unangemessen. Tautz wechselt nun unvermittelt von der beschreibenden in die normative Ebene:
“Jedes Individuum muss für sich gesehen werden, und jedes Individuum sollte daher auch seine Rolle im kontinuierlichen Spektrum der Verteilungen selbst finden dürfen. Kein Individuum sollte sich gedrängt fühlen, sich der sozialen Norm einer Kategorie angleichen zu müssen. Spätestens hier [bei der phänotypischen Variation] löst sich die scheinbare Binarität der Geschlechter in eine Illusion auf. Individuen sollten nicht auf ihre Gameten reduziert werden, die evolutionsbiologische und entwicklungsbiologische Realität ist viel komplexer.”
Tautz scheint hier anzudeuten, dass sich Personen bei Anwendung eines biologischen Geschlechtsbegriffs auch an daraus abgeleitete soziale Normen halten müssten. Das ist jedoch ein Strohmann-Argument. Ein Festhalten an diesem Geschlechtsbegriff impliziert keinen Rollenzwang. Wer aus Tatsachen Pflichten ableitet, begeht schließlich den naturalistischen Fehlschluss. Umgekehrt scheint Tautz aus einer Norm, nämlich dem Recht auf persönliche Freiheit, abzuleiten, dass die Tatsache der fortpflanzungsbiologischen Binarität aufgegeben oder zumindest verschwiegen werden müsse, was als moralischer oder idealistischer Fehlschluss bezeichnet wird. Statt Rollenzwang haben wir jedoch die “Ehe für alle”, die im Übrigen breite Zustimmung in der Bevölkerung genießt.
Schließlich argumentiert Tautz, dass ein fortpflanzungsbiologischer Geschlechtsbegriff Individuen auf Keimzellen reduziere. Das biologische Geschlecht ist zwar nur ein Aspekt eines Individuums unter vielen anderen, gleichzeitig ist die Reproduktion aber die Grundlage allen Lebens. Geschlecht ist daher eine notwendige Eigenschaft aller Säugetiere. Erstaunlicherweise scheint Tautz die reproduktionsbiologischen Voraussetzungen des Fortbestands von Homo sapiens zu relativieren.
Die von Tautz erwähnten sozialen Zwangsrollen, die angeblich aus dem biologischen Geschlechtsbegriff resultieren, erinnern stark an die von Judith Butler monierte Heteronormativität. Dass heterosexuelle Beziehungen überwiegen, ist jedoch keine gesellschaftlich konstruierte Repression, sondern eine evolutionsbiologische Grundtatsache. Für den langfristigen Fortbestand von Populationen ist es nämlich faktisch entscheidend, dass im Mittel genügend reproduktionsfähige Nachkommen hervorgehen, um die Elterngeneration zu ersetzen. Menschen sind davon keine Ausnahme. Daraus folgt jedoch lediglich, dass erfolgreiche Reproduktion populationsbiologisch notwendig ist. Über individuelle Präferenzen oder soziale Normen ist damit noch nichts gesagt. Ob das Überleben der Spezies Homo sapiens wünschenswert ist oder nicht, ändert daran nichts. Aus Fakten lassen sich keine Normen ableiten. Umgekehrt beseitigen Normen aber auch keine bestehenden Fakten.
Vermeintliche Wahlpflicht
Tautz beendet seinen Text mit der kontrafaktischen Feststellung, dass das Selbstbestimmungsgesetz eine unangemessene Wahlpflicht erzwinge und es keine Möglichkeit gebe, den Geschlechtseintrag offenzulassen. Das ist aber nicht der Fall, denn das Gesetz erlaubt es vielmehr, den Geschlechtseintrag streichen zu lassen. Das war bereits vor Veröffentlichung des Artikels von Tautz bekannt.8 Vielleicht ist sein Text früher entstanden und wurde nicht überarbeitet. Ein Jahr später, Ende 2024, erschien mit “Weiblich – männlich – divers: Ist es so einfach?”9 eine leicht modifizierte Version seines Artikels. Darin wird dieser Irrtum sogar an zwei Stellen referiert und zum Anlass einer Reflexion genommen, die angesichts der Sachlage gegenstandslos ist.
Im Sinne des Selbstbestimmungsgesetzes hat der Begriff “Geschlecht” als einzigen Inhalt, dass sich eine Person gegenüber einer Behörde geäußert hat. Abgesehen von diesem behördlich dokumentierten Sprechakt hat der Begriff keinerlei empirischen Gehalt. Dieser Geschlechtsbegriff ist daher in einer empirischen Wissenschaft wie der Biologie nicht brauchbar. Geschlecht entstand lange bevor es die Jurisfiktion gab.
Nonbinärer Geschlechtsbegriff praktikabel?
Der Autor versichert, dass biologisches Geschlecht “nicht in Kategorien gesteckt werden sollte – also auch nicht in erweiterte Geschlechtskategorien.” Das schließt den sogenannten “sex expansionism” aus, der zusätzliche Kategorien einführt. Tautz spricht vielmehr von einem “multi-dimensional[en][…] kontinuierlichen Spektrum der Verteilungen”. Das entspricht eher dem “sex eliminationism”, in dem Geschlecht als Zusammensetzung multivariater Eigenschaftscluster aufgefasst wird.
Es gelingt Tautz jedoch nicht, einen nonbinären Geschlechtsbegriff zu entwickeln, mit dem sich seine Aussagen formulieren lassen. Stattdessen verwendet er den klassischen, reproduktionsbiologischen Geschlechtsbegriff. Ohne den binären Geschlechtsbegriff ergeben diese Aussagen nämlich keinen rechten biologischen Sinn:
➔ “Mit der Asymmetrie der [”zwei Typen von”] Gameten ist auch
eine Binarität der Individuen vorgegeben, die sie
produzieren”
➔ “dass […] weiblich und männlich mit einer Wahrscheinlichkeit von
50 Prozent in der nächsten Generation entstehen”
➔ “sexuelle Binarität beim Menschen”
➔ “Männchen und Weibchen zu je 50 Prozent produziert
werden”
➔ “zu einem gleich verteilten Verhältnis der Geschlechter
kommt”
➔ “Mit einem binären Gametensystem sind erhebliche Kosten verbunden.
Man braucht dazu Individuen mit verschiedenen Geschlechtern”
➔ “Unterschiede zwischen den Geschlechtern und innerhalb der
Geschlechter”
➔ “können wir meistens blitzschnell eine Einteilung in Frau oder
Mann machen”
➔ “das heißt ja nicht, dass Frauen immer kleiner sind als
Männer”
Warum heißt es umständlich “Beispielsweise haben sich Generationen von Biologinnen (ich nutze die geschlechtsbezogenen Begriffe abwechselnd) damit abgeplagt”? [Herv. d. Verf.] Warum nicht einfach eine knappere Formulierung wie “So hat sich die Biologie über Generationen hinweg damit abgeplagt”, die auf eine geschlechtliche Klassifikation verzichtet?
“Weiblich – männlich – divers: Ist es so einfach?” (2024)
Doch auch in der ein Jahr später publizierten, erweiterten und leicht
veränderten Version10 seines Textes benötigt der Autor an
mehreren Stellen einen binären Geschlechtsbegriff:
➔ Es “ist ein sehr komplexes System mit zwei Geschlechtern
entstanden.”
➔ “Die Existenz von zwei Geschlechtern ist evolutionär gesehen kein
optimaler Zustand.”
➔ “hälftige Verteilung der Geschlechter in den Populationen der
meisten Spezies, inklusive dem Menschen. Wenn es schon nötig ist, zwei
Geschlechter zu haben”
➔ “Männchen nehmen ja letztlich den Weibchen nur die ökologischen
Ressourcen weg”
➔ “Beim Menschen sind Männer im Durchschnitt acht Prozent größer als
Frauen”
➔ “kann es bei einigen Männern ein leichtes Übergewicht männlicher
Varianten und bei einigen Frauen ein leichtes Übergewicht von weiblichen
Varianten geben”
➔ “Es gibt also zweifellos ‘typische’ Männer und Frauen und
‘typisches’ weibliches und männliches Verhalten, das auf diesen Konflikt
zwischen den Geschlechtern zurückzuführen ist und das letztlich auch
genetisch verankert ist.”
Analyse der Einleitung von 2024
Der Artikel von 2024 beginnt mit dem Absatz:
“(1) Die evolutionsbiologische Funktion von sexueller Vermehrung ist die Erzeugung genetisch unterschiedlicher Individuen.
(2) Dadurch entsteht ein Spektrum an Phänotypen und Verhaltensweisen der Geschlechter, das man nicht kategorisieren sollte.
(3) Die Diskussion um Geschlechtsidentitäten sollte die Variabilität in den Mittelpunkt stellen, nicht die Binärität.
(4) Dann lassen sich biologische und soziologische Standpunkte auch in Einklang bringen.” [Nummerierung d. Verfass.]
Der erste Satz ist unstrittig. Der zweite Satz ist nicht mehr so leicht zu verstehen. Wir analysieren ihn daher auf seine syntaktische Struktur, Referenzen und mögliche Interpretationen.
Grammatikalisch ist das Relativpronomen “das” ein Neutrum im Singular. Der einzig passende Bezug dazu ist “Spektrum”. Das heißt, syntaktisch gesehen soll eine Kategorisierung beim “Spektrum” vermieden werden, nicht jedoch bei den Geschlechtern.
Was kann “Phänotypen und Verhaltensweisen der Geschlechter” bedeuten?
- Es liegt ein Zuordnungsgenitiv im Sinne von Phänotypen und Verhaltensweisen von Individuen der Geschlechter vor. Also haben wir Eigenschaften von Individuen variieren innerhalb und zwischen Geschlechtern. Darin sind Geschlechter bereits vorausgesetzt und Phänotypen oder Verhalten definieren sie nicht.
- Die Geschlechter bestehen aus einem Spektrum von Phänotypen und Verhaltensweisen, d.h. sie werden über diese Eigenschaften beschrieben oder konstruiert. Diese Lesart ist jedoch grammatisch deutlich schwächer, da der Genitiv eher Besitz oder Zugehörigkeit ausdrückt und nicht eine Definition.
Dass das Spektrum der Phänotypen und Verhaltensweisen nicht kategorisiert werden soll, bedeutet, dass es weder Typologien noch Klassen innerhalb dieser Variation geben sollte. Dies betrifft jedoch nicht die Geschlechter direkt, sondern die Variation ihrer Attribute. Das Argument schließt von der Tatsache, dass es ein “Spektrum von Phänotypen und Verhaltensweisen” gibt, auf eine Norm des Nichtkategorisierens. Dies entspricht wieder dem bekannten Sein-Sollen-Fehlschluss nach David Hume.
Selbst wenn man nur deskriptiv argumentiert, bleibt der Schluss unlogisch. Bei vielen Merkmalen lässt sich Variation in der Evolutionsbiologie als kontinuierlich betrachten, dennoch werden Kategorien häufig verwendet, wie z.B. Arten, Morphen oder Verhaltensstrategien. Generell schließt ein Kontinuum in der Wissenschaft Kategorien nicht aus, so ist z.B. Temperatur ein kontinuierliches Spektrum, dennoch gibt es Kategorien wie “Gefrierpunkt” oder “Siedepunkt”. Wissenschaft hat die Aufgabe, in der Vielfalt der Erscheinungen verlässliche Ordnungen zu erkennen. Dazu muss sie kategorial unterscheiden, klassifizieren und begrifflich präzisieren. Ohne Kategorisierung gäbe es keine systematische Erkenntnis, sondern nur eine ungeordnete Ansammlung von Einzelfällen.
Im dritten Satz formuliert Tautz eine weitere Norm und wechselt dabei von der Kategorie des biologischen Geschlechts zur Kategorie der Geschlechtsidentität. Durch die Betonung der Variabilität von Geschlechtsidentitäten könnten Standpunkte der Biologie und der Soziologie in Einklang gebracht werden. Es erscheint jedoch wissenschaftstheoretisch fragwürdig, dass sich “Standpunkte” zweier Disziplinen über Normen angleichen und nicht über evidenzbasierte Theoriebildung.11 Das klingt nach einer Vereinheitlichung auf ideologischer Grundlage. Es existieren auch keine neuen soziologischen Erkenntnisse, die eine Revision der Fortpflanzungsbiologie erforderlich machen würden. Vielmehr gibt es politischen Druck aus einem sich als progressiv verstehenden Aktivismus, Biologie durch Identität zu ersetzen.12
Selbstverständlich erzeugt sexuelle Vermehrung genetische Variation. Biologische Fitness bemisst sich jedoch nur nach der Zahl fortpflanzungsfähiger Nachkommen. Identitäten spielen evolutionär also nur dann eine Rolle, wenn sie den Reproduktionserfolg beeinflussen. Es gibt keinen bekannten evolutionären Mechanismus, der direkt auf Identitätsvielfalt selektiert. Wer sich nicht fortpflanzt, gibt seine Gene nicht weiter; entsprechende Genvarianten verschwinden langfristig aus dem Genpool. Die meisten Spezies mit anisogametischer Reproduktion dürften für ihren Fortpflanzungserfolg auch gar keine Geschlechtsidentität im menschlichen Sinne benötigen.
Genderfluidität
Im Englischen existieren die Begriffe “Sex” und “Gender”. “Sex” bezeichnet das biologische Geschlecht. “Gender” wird im Deutschen meist als “soziales Geschlecht” umschrieben. Es umfasst Identität sowie gesellschaftliche Rollenbilder.
Zunächst führt Tautz Gender als Geschlechtsidentität ein, dann schreibt er allgemein von Gendereigenschaften und schließlich geht er über zu Verhaltensmustern. Der Autor kritisiert, dass Sex und Gender tendenziell separat betrachtet werden, das eine als “binär und biologisch, das andere als rein kulturell entwickelt.” Er führt richtig an, dass es männliche und weibliche Verhaltensunterschiede gibt, die aus evolutionär entstandenen Fortpflanzungsstrategien resultieren und nicht nur ein kontingentes, rein kulturelles Artefakt darstellen. Deswegen erschließt es sich aber gerade nicht, warum der biologische Geschlechtsbegriff aufgegeben werden sollte.
Tautz führt nun den Begriff “Genderfluidität” ein, um Variationen von nicht näher erläuterten vererbten Eigenschaften zu bezeichnen. Dies sei “nicht nur eine natürliche Erscheinung, sondern sogar eine unausweichliche Konsequenz der sexuellen Reproduktion.” Der Term Genderfluidität stammt aus den Disziplinen Gender Studies und Queer Theory, die nicht unwesentlich von politischem Aktivismus geprägt sind. Judith Butlers Theorien zur Performativität von Geschlecht bilden darin das philosophische Fundament für das Verständnis dieser Fluidität, auch wenn Butler den spezifischen Begriff “genderfluid” in ihren frühen Hauptwerken nicht explizit geprägt hat. Gender hat darin weder Bezug zur biologischen Evolution noch zur biologischen Fortpflanzung, sondern wird als rein soziales Konstrukt und Performance aufgefasst und nicht als biologische Tatsache. Bei diesem Konzept soll Geschlechtsidentität durch die stilisierte Wiederholung von Handlungen, Gesten und Ausdrucksweisen entstehen, ohne dass der Wortbestandteil “Geschlecht” semantisch näher bestimmt wird. Da Handlungen variieren können, ist der Weg für fluide Identitäten bereits im Konzept angelegt.
Warum Sozialkonstruktion allerdings eine unausweichliche Konsequenz der sexuellen Reproduktion sein soll, erschließt sich nicht. Diese Notwendigkeit ließe sich nur dadurch belegen, wenn gezeigt werden könnte, dass erfolgreiche sexuelle Reproduktion oder stabiler Fortpflanzungserfolg nur in Gegenwart von Sozialkonstruktion möglich ist. Dafür gibt es jedoch keinen erkennbaren Beleg.
Begriffe wie “foxgender”, “catgender”, “pupgender”, “felinegender”, “meowgender” und viele andere mehr demonstrieren, dass zwischen Gender und Sex keinerlei Zusammenhang zu bestehen braucht. Catgender zum Beispiel steht für die Eigenschaften “träge, wenn nicht provoziert, manchmal verspielt und sanft”.13
Geschlecht als Identität?
2023 schreibt Diethard Tautz noch:
“Aber auch die biologische Geschlechtsentwicklung muss man als Gesamtprozess sehen, der nicht in Kategorien gesteckt werden sollte – also auch nicht in erweiterte Geschlechtskategorien” (Tautz, 2023)
Ein Jahr später formuliert er:
“Die Entwicklung der biologischen, genetischen und kulturellen Geschlechtsidentität muss als Gesamtprozess betrachtet werden, der nicht in Kategorien - also auch nicht in erweiterte Geschlechtskategorien - gesteckt werden sollte.” (Tautz, 2024)
Aus der “biologische[n] Geschlechtsentwicklung” wurde die “Entwicklung der biologischen, genetischen und kulturellen Geschlechtsidentität”. Dass Geschlechtsidentität und Geschlecht verschiedene Kategorien sind, wird in der Biologie hoffentlich unumstritten sein. Das eine ist eine mentale, das andere eine reproduktionsbiologische Kategorie. Tautz schreibt weiter:
“Insbesondere sollten genderfluide Individuen nicht als Ausnahme von einer Regel betrachtet werden, sondern als selbstverständlicher Teil der evolutionär notwendigen Variabilität innerhalb von Populationen.”
Gender als rein mentaler Prozess kann ohne weiteres zeitlich variieren. Wenn Genderfluidität erblich wäre und gleichzeitig zu einem überdurchschnittlichen Reproduktionserfolg führte, dann würde sie sich in der Population verbreiten. Dafür existieren jedoch keine Anhaltspunkte. Tautz formuliert hier wieder eine Norm. Selbstverständlich dürfen Menschen so genderfluide sein, wie sie möchten. Ob dieser Charakterzug aber häufig oder selten vorkommt, ist jedoch eine empirische und statistische Frage, keine moralische.
Genderfluide Tierarten?
Tautz versucht nun direkt anschließend, die Genderfluidität vom Homo sapiens auf andere Spezies zu übertragen:
“Dies gilt im Übrigen nicht nur für den Menschen. Es geht hier um allgemeine biologische Prinzipien. Individuen sind von Natur aus genetisch variabel, aber auch geprägt von der Umwelt, in der sie aufgewachsen sind. Wenn man sie aus experimentell operationalen Kriterien kategorisieren möchte, so wie es in der Verhaltensforschung üblich ist, dann wäre es wichtig, auch die Überlappungsbereiche für die betrachteten morphologischen Charaktere oder die Verhaltensweisen anzugeben und bei der Auswertung zu berücksichtigen. Das ist keine anthropozentrische Sichtweise, sondern die Schlussfolgerung aus den Überlegungen zur Evolution sexueller Systeme.”
Zwar ist Variabilität evolutiv zentral, sie betrifft jedoch beliebige phänotypische Eigenschaften und nicht speziell die Geschlechtsidentität. Die meisten Organismen besitzen außerdem keine psychologische Geschlechtsidentität im menschlichen Sinne. Selbst bei vielen Wirbeltieren lässt sich nur Verhalten beobachten, nicht Selbstidentifikation. Daher kann man das Konzept nicht sinnvoll auf alle sexuell reproduzierenden Spezies übertragen. Genetische Variation bei der Geschlechtsentwicklung existiert, sie betrifft jedoch die Fortpflanzungsfunktion:
- Hermaphroditismus: Arten haben gleichzeitig oder zeitweise männliche und weibliche Fortpflanzungsfunktionen, wie z.B. bei Schnecken, Regenwürmern und den meisten Pflanzenarten.
- Bei einigen Fischen kann sich das funktionale Geschlecht im Laufe des Lebens ändern.
- Es gibt seltene intersexuelle Entwicklungen, die die Chromosomen, Hormone und Gonaden betreffen.
Die Argumentation von Tautz lässt sich so rekonstruieren:
- Sexuelle Fortpflanzung erzeugt Variation und
- viele phänotypische Merkmale überlappen zwischen Geschlechtern.
- Daher seien genderfluide Individuen ein evolutionär notwendiger Teil der Variabilität.
Die Schlussfolgerung ist jedoch ein non sequitur, sie folgt nicht. Es ist kein evolutionsbiologischer Mechanismus bekannt, der eine variable Geschlechtsidentität als notwendige Anpassung verlangt. Als vom politischen Aktivismus unbeeinflusster wissenschaftliche Konsens in der Evolutionsbiologie gilt vielmehr:
- Variation ist ein zentrales Merkmal in Populationen.
- Geschlechter beruhen auf Anisogamie.
- Psychologische Geschlechtsidentität ist kein allgemeines Merkmal sexuell reproduzierender Organismen, sondern allenfalls ein spezifisch menschliches Phänomen.
Goymann et al. kommentieren dies in derselben Heftausgabe: “Für uns als Biologen erscheint der aktuelle Diskurs über die Zweigeschlechtlichkeit so, als ob beispielsweise in der Astronomie plötzlich wieder darüber gestritten würde, ob sich die Erde um die Sonne dreht oder umgekehrt.”14
Genderfluidität als mentale Eigenschaft lässt sich kaum auf andere Spezies als den Menschen anwenden. Falls Diethard Tautz mit Genderfluidität gar nur beobachtbares Verhalten meint, so legt sein Text dies jedoch nicht nahe. Der Absatz beginnt nämlich mit der “Entwicklung der […] Geschlechtsidentität” und nicht mit der Entwicklung von Verhaltensmustern. Und zu dieser komplexen “evolutionsbiologische[n] und entwicklungsbiologische[n] Realität” gehören, so Tautz, “genderfluide Individuen […] als selbstverständlicher Teil der evolutionär notwendigen Variabilität innerhalb von Populationen.”
Natürliche Rollen?
An anderer Stelle bemerkt Tautz über Geschlechterrollen:
“Insbesondere ist es nicht möglich, ‘natürliche’ evolutionäre Rollenverteilungen von Geschlechtern zu definieren, da das einzig Natürliche daran ist, dass sie sich evolutionär ständig verändern.”
In der Biophilosophie gibt es den Begriff der Rolle eines Organismus als “externe Aktivität”15, also als etwas, das ein Organismus nach außen hin tut. Verhalten ist sowohl innerhalb als auch zwischen den Arten flexibel. Zudem wird Verhalten erheblich von der Umwelt beeinflusst. Es gibt allerdings Verhaltensweisen, die den Reproduktionserfolg steigern, und andere, die ihn vermindern. Evolutionär werden letztere tendenziell ausgesiebt. Was dem Selektionsdruck widersteht, lässt sich daher zwanglos als “natürlich” auffassen, auch wenn es davon mehrere Varianten gibt. Evolution besteht nicht nur aus Veränderung, sondern auch aus der Selektion dieser Veränderungen. Das weiß Tautz, betont es hier aber nicht.
Can biological men get pregnant?
Doch was versteht der Biologe Tautz eigentlich unter einer Geschlechterrolle? Wenn es keine evolvierten Geschlechterrollen geben soll, dann dürften auch Gebären und Stillen bei den Säugetieren nicht als solche gelten. Gerade diese Verhaltens- und Funktionszusammenhänge sind jedoch offensichtlich evolutiv entstanden und an das weibliche Geschlecht gebunden.
Hier gibt es tatsächlich politischen Streit. In einer Anhörung des US-amerikanischen Senats antwortete eine Gynäkologin auf die Frage, “Können biologische Männer schwanger werden?”, ausweichend: Zwar versicherte sie, dass sich die Medizin an Wissenschaft und Fakten orientieren solle, doch blieb sie eine konkrete Antwort schuldig. Sie habe Kundschaft mit unterschiedlichen Identitäten und die Frage sei polarisierend und nicht hilfreich.16 Die taz zitiert die ehemalige Bundestagsabgeordnete Tessa Ganserer, die in die gleiche Richtung argumentiert: “Aber ein Penis ist nun mal nicht per se ein männliches Genital. Es gibt halt auch Frauen, die einen Penis haben. Und es gibt Männer, die können ein Kind gebären.”17 Das belegt, dass im politischen Aktivismus Frau und Mann rein identitär und keineswegs fortpflanzungsbiologisch verstanden werden sollen. Außer einem Sprechakt gibt es für die Eigenschaft, Mann oder Frau im identitären Sinne zu sein, keine weitere Evidenz. Das gibt auch der ehemalige Queerbeauftragte der Bundesregierung, Sven Lehmann, offen zu: “Aber geschlechtliche Identität kann gar nicht von außen begutachtet werden. Darüber kann nur eine Person Auskunft geben, und das ist jeder Mensch selber.”18
Karleen Gribble19 beschreibt, wie Fachzeitschriften, Verlage, universitäre Ethikkommissionen und Organisationen im Bereich der Gesundheitsversorgung der Geschlechtsidentität (“gender identity”) gegenüber dem biologischen Geschlecht (“sex”) Vorrang einräumen. Dies geschieht durch die Vorgabe einer entgeschlechtlichten Sprache (“desexed language”), die biologische Geschlechtsbezüge vermeidet. Besonders gravierend betroffen sind Texte im Zusammenhang mit Schwangerschaft, Geburt, Stillen und Mutter-Kind-Gesundheit, also einem Bereich in dem geschlechtliche Unterschiede besonders offensichtlich und wichtig sind. Es werden zahlreiche Ersatzbegriffe20 verwendet, wie zum Beispiel “pregnant people” statt “pregnant women”, “lactating individuals” statt “breastfeeding mothers” oder “people with cervixes” statt “women”.
Das beeinträchtigt die medizinische Präzision und Verständlichkeit. Außerdem sinkt die Qualität medizinischer Daten, wenn in Studien das biologische Geschlecht nicht mehr erfasst wird. Dadurch sind Unterschiede in Krankheitshäufigkeit oder Therapieeffekten schlechter erkennbar. Zudem sind neuartige Begriffe für Personen mit geringer Gesundheitskompetenz, begrenzten Sprachkenntnissen und anderen kulturellen Hintergründen teilweise schwer verständlich. Gribble kritisiert, dass die Auswirkungen dieser Sprachvorgaben auf Gesundheitsergebnisse oder die Kommunikation kaum untersucht wurden. Eine Entgeschlechtlichung der Sprache birgt insbesondere bei der Beschreibung der weiblichen Fortpflanzung Risiken.
Diethard Tautz scheint sich dieser sprachlichen Tendenz anzunähern, wenn er fordert, das biologische Geschlecht als Kategorie der Fortpflanzung gegenüber der Geschlechtsidentität zurückzudrängen. Dabei bleibt der Geschlechtsbegriff jedoch weitgehend unbestimmt. Wie soll sich denn der Begriff der Geschlechtsdysphorie ohne biologischen Geschlechtsbegriff erläutern lassen? Was ist mit der geschlechtsangepassten Medizin? Kann es bei der Gesundheitsversorgung tatsächlich irrelevant sein, ob eine Transfrau oder eine biologische Frau zu betreuen ist? Zwar ist wettbewerblicher Leistungssport ohne Geschlechtskategorien theoretisch möglich, wird von Frauen im Wettkampfsport jedoch kaum geschätzt, da erwachsene Frauen im Oberkörperbereich im Mittel nur etwa 50-60% der Kraft von Männern erreichen.21
Fazit
Diethard Tautz scheitert an seinem eigenen Anspruch, kategoriale Geschlechtsbegriffe zu vermeiden, denn viele seiner Bemerkungen ergeben nur dann Sinn, wenn Frau und Mann als biologische Kategorien vorausgesetzt werden. Darin liegt ein performativer Widerspruch.
Der Autor begeht wiederholt den idealistischen Fehlschluss, indem er von einer ethischen Norm (individuelle Freiheit, Ablehnung von Rollenzwängen) auf die Nichtexistenz biologischer Fakten (Binarität der Fortpflanzungsfunktionen) schließt. Die Existenz biologischer Zweigeschlechtlichkeit wird fälschlicherweise als zwingende Ursache für gesellschaftliche Repression dargestellt.
Es ist zwar problemlos möglich, Namen und Pronomen einer Person auszutauschen, eine Fortpflanzungsfunktion lässt sich jedoch nicht per Vorstellungskraft ändern. Die Kategorie der Geschlechtsidentität als ein mentales Selbstverständnis lässt sich sinnvoll nur auf Homo sapiens anwenden. Sie ist für die Evolutionsbiologie nicht brauchbar. Aber auch bei der medizinischen Versorgung ist es nicht hilfreich, das biologische Geschlecht zu ignorieren.
Diethard Tautz hat Recht, dass auch “Darwin […] nicht frei von den Einflüssen seiner Zeit” war, als er annahm, dass “Männer den Frauen von Natur aus überlegen” seien. Diethart Tautz scheint jedoch ebenfalls nicht frei von den Einflüssen seiner Zeit zu sein, wenn er beispielsweise Begriffe wie Genderfluidität in die Evolutionsbiologie einführen möchte. Dieser Einfluss zeigt sich heute unter anderem in politischen und aktivistischen Bestrebungen, die Sprache der Biologie identitätspolitisch umzudeuten. Dass auch Transpersonen heftig angegriffen werden, wenn sie sich nicht von der Biologie distanzieren, zeigt der Erfahrungsbericht22 von Till Randolf Amelung sehr deutlich.
Fußnoten
Ich möchte mich bei Andreas Edmüller und Dittmar Graf herzlich für ihre wertvollen Hinweise und anregenden Diskussionen bedanken, die mir bei der Weiterentwicklung dieses Artikels sehr geholfen haben. Der im Folgenden präsentierte Text liegt jedoch in meiner alleinigen Verantwortung.↩︎
Diethard Tautz: “Biologisches Geschlecht - Die Illusion der Binarität”, Laborjournal, 2023(12), S.16-18, PDF: laborjournal.de, archive.org, HTML-Version: laborjournal.de, archive.org, archive.is.↩︎
Florian Schwarz (Pseudonym): “Des Professors Nebelkerzen”, 21.12.2023, hpd.de, archive.org. Mit diesem Beitrag wurde auf hpd.de bereits Ende 2023 eine Kritik des Tautz’schen Artikels aus dem gleichen Jahr veröffentlicht. Im vorliegenden Text versuchen wir, die Analyse zu vertiefen und auch die Entwicklung hin zum Text von 2024 zu betrachten.↩︎
Es gibt auch einen sog. horizontalen Gentransfer. Dabei wird genetisches Material zwischen Organismen derselben Generation oder sogar zwischen verschiedenen Arten ausgetauscht, ohne dass es zu einer Fortpflanzung kommt. Im Unterschied dazu erfolgt der vertikale Gentransfer von den Vorfahren an die Nachkommen. Der horizontale Gentransfer tritt sehr häufig bei Mikroorganismen wie Bakterien auf. Bei Tieren ist er selten. Beim Menschen kann Genmaterial über endogene Retroviren in das Genom eingebracht werden.↩︎
Dittmar Graf: ” Geschlecht - die neuen Irrungen und Wirrungen um einen altbewährten biologischen Begriff”, Skeptiker 39(3), 2025, S.104-114, Web. Im Artikel (S.106-108) wird dargelegt, dass ein dritter Gametentyp eine eigenständige, funktional klar definierte Rolle bei der Zygotenbildung haben müsste. Bislang gibt es jedoch keinerlei empirische Hinweise auf ein drittes Geschlecht. Angesichts der bestehenden binären Struktur der Gametenproduktion, die sowohl energetisch effizient als auch evolutionsbiologisch stabil ist, ist es schwer vorstellbar, wie sich ein solches System evolutionär durchsetzen könnte. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein drittes Geschlecht im Laufe der Phylogenese entstanden ist, bleibt daher gering.↩︎
“Das Gehirn von Frauen und Männern”, 5. September 2024, mpg.de.↩︎
S. Ryali et al.: “Deep learning models reveal replicable, generalizable, and behaviorally relevant sex differences in human functional brain organization”, Proceedings of the National Academy of Sciences of the USA 121(9), 2024, doi.org.↩︎
Der Queer-Beauftragte der Bundesregierung Sven Lehmann in der Tagesschau am 30. Juni 2022 über das geplante Selbstbestimmungsgesetz: “Im deutschen Recht gibt es vier Kategorien von Geschlecht also männlich, weiblich divers und keine Angabe. Und künftig sozusagen - das ist auch ein Gesetz, was, wie gesagt, auch für alle Menschen die gleichen Verfahren hat, die das ändern möchten. Und deswegen ist es auch möglich, sozusagen, auch keinen Geschlechtseintrag zu wählen.” Youtube.
Im Selbstbestimmungsgesetz (SBGG) leiten sich die Möglichkeiten der Eintragung aus PStG §22 Abs 3 ab.
Die Bundesregierung beschloss den entsprechenden Entwurf im August 2023, der am 1.11.2023 vorgelegt wurde. In §2(1) des Gesetzentwurfs steht : “Jede Person, deren Geschlechtsidentität von ihrem Geschlechtseintrag im Personenstandsregister abweicht, kann gegenüber dem Standesamt erklären, dass die Angabe zu ihrem Geschlecht in einem deutschen Personenstandseintrag geändert werden soll, indem sie durch eine andere der in § 22 Absatz 3 des Personenstandsgesetzes vorgesehenen Angaben ersetzt oder gestrichen wird.”[Hervorheb. d. Verf.].
Der Bundestag verabschiedete das Gesetz im Juni 2024. Siehe auch die Änderungen im PStG von 2013 und 2018.↩︎Diethard Tautz: “Weiblich – männlich – divers: Ist es so einfach?”, Biologie in unserer Zeit 4(54), 2024, 334-343, doi.org, mpg.de, archive.org.↩︎
Tautz (2024), Biologie in unserer Zeit 4(54), 334-343.↩︎
Es stellt sich auch die Frage, ob “Standpunkt” ein glücklich gewählter Begriff ist oder ob es nicht besser wäre, von (vorläufigem) “Erkenntnisstand” zu sprechen. Schließlich entspricht jede beliebige Meinung einem Standpunkt. Es ist auch nicht so, dass die gesamte Soziologie der Fortpflanzungsbiologie widerspräche. Das findet nur innerhalb bestimmter sozialwissenschaftlicher Fächer statt, etwa in den bereits erwähnten Gender- und Queer-Studies.↩︎
Jerry A. Coyne and Luana S. Maroja: “The Ideological Subversion of Biology”, Skeptical Inquirer 47(4), July/August 2023, S.34-47, skepticalinquirer.org, archive.org, ca. 100 Literaturangaben in der Printversion.
Deutsche Übersetzung des Artikels: de.richarddawkins.net, archive.org.↩︎“Xenogender includes genders that are related to animals, plants, or other things that are not traditionally considered a gender.” “Faunagender is a xenogender identity in which one’s gender is, in some way, influenced by or related to non-human animals. Faunagender can be used as a specific term if referring to a gender related to animals in general, or used as an umbrella term for all genders that relate to specific animals (such as catgender or pupgender).” “One’s catgender identity may be connected to alterhumanity, but is not specific to alterhumans. In this case, one may feel like a cat themselves and/or share traits, which is related to their catgender identity. For example, one’s gender may feel lazy unless provoked, and sometimes playful and soft.”↩︎
Goymann et al.: “Geschlecht und Gender: Eine biologische Perspektive. Zweigeschlechtlichkeit zu leugnen ist anthropozentrisch und fördert ‘Artenchauvinismus’”, Biologie in Unserer Zeit, 54(4), 344-352, doi.org.↩︎
M. Mahner und M. Bunge: “Function and Functionalism: A Synthetic Perspective”, Philosophy of Science 68(1), 2001, S.75-94, doi.org. M. Mahner und M. Bunge:”Philosophische Grundlagen der Biologie”, Springer, 2000, S.148ff.↩︎
Senator Josh Hawley befragt im Januar 2026 wiederholt Dr. Nisha Verma, ob Männer schwanger werden können, Google (ca. 3400 Treffer am 14.3.2026), Youtube.↩︎
Sven Lehmann: “Gleiche Rechte für alle! Vielfalt macht eine Gesellschaft freier und damit stärker. Sie kann sie sogar einen.”, ZEIT Nr. 17/2022, archive.org, archive.ph.↩︎
Karleen Gribble: “The Desexing of Language in Women’s Health Research and Care: A Story of Marginalization of Science, Cultural Imperialism, and Abuse of Power”, in: L.M. Krauss (Editor) - “The War on Science - Thirty-Nine Renowned Scientists and Scholars Speak Out About Current Threats to Free Speech, Open Inquiry, and the Scientific Process”, Post Hill Press, 2025, ISBN 979-8-88845-756-6, ISBN (eBook) 979-8-88845-757-3, Literaturhinweise.
Bemerkung: Unter dem Titel “The War on Science - Renowned Scientists and Scholars Speak Out About Current Threats to Free Speech, Open Inquiry, and the Scientific Process” wurde von Forum, einem Imprint von Swift Press mit ISBN 978-1-80075-618-2 und ISBN (eBook) 978-1-80075-619-9 ein stark gekürzte UK/Europa‑Ausgabe des Sammelbandes veröffentlicht. Darin fehlen 15 der 32 Kapitel und insbesondere auch das von Karleen Gribble. Bei Audible gibt es jedoch ein ungekürztes Hörbuch. Siehe auch:
Karleen Gribble et al: “Effective communication aboutpregnancy, birth, lactation, breastfeeding and newborn care: The importance of sexed language”, Frontiers in Global Womens Health 3, 2022, Article 818856, doi.org.
Karleen Gribble et al: “Sex, gender identity and women’s health research and equality: An urgent need for clarity of language and accurate data collection”, Women and Birth 38(1), 2025, Article 101854, doi.org.↩︎Karleen Gribble präsentiert in Krauss (2025) eine Liste von Ersatzbegriffen für “Women”: “People, individuals, humans, patients, someone, uterus havers, people with uteri, cervix havers, people with vaginas, bodies with vaginas, birthing bodies, female-assigned bodies, menstruating personnel, menstruators, bleeders, menstruating individuals, bodies that bleed, menstruating bodies, people who experience periods, people who period, people who menstruate, vulva owners, vulva people, someone with a vulva, birth people, non-males, non-men, non-prostate owners, individuals who have receptive vaginal sex, womb carriers, those assigned female at birth, reproductive aged persons identified as female, person with reproductive potential, person of childbearing potential, people with reproductive organs, people with female-identified reproductive organs, individuals who have reproductive capacity.” Ähnliche Substitutionen gibt es u.a. für “Breasts”, “Breastfeeding”, “Breastmilk”, “Maternal”, “Mother”, “Sex”.↩︎
M.A. Pérez et al: “Sex differences in upper and lower strength and their association with body composition among university students”, Physical Activity and Nutrition 28(3), 2024, 64-71, doi.org.↩︎
Till Randolf Amelung: “Raum für Argumente: Warum Hochschulen standhalten sollten”, 31. Okt 2025, hpd.de.↩︎
Deutsch (Deutschland)
English (United Kingdom)